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-teatime-

Teetrinken ist eine äußerst meditative Angelegenheit und auch jeden Morgen und Nachmittag ein zeremonieller Anlass. Man nehme: eine spezielle Ostfriesenteemischung, die aus verschiedenen Schwarzteesorten besteht und sich erst Ostfriesentee nennen darf, wenn jene Mischung auch wirklich in Ostfriesland zusammengestellt wurde!

Man gieße den Tee auf und lasse ihn vier Minuten ziehen- die Kanne, meist eine sehr bauchige schöne Teekanne, stellt man dann auf ein Stövchen. Soweit so gut. Jetzt wird’s kompliziert.

Tee wird aus kleinen Teetassen eines Teeservice getrunken. In die Tasse kommt zunächst ein Kluntje- ein großer weißer Batzen Kandis. Danach gießt man den Tee in die Tasse und es fängt schön an zu knistern, wenn sich der Zucker mit dem heißen Tee vermischt. Danach wird mit Hilfe einer kleinen Schöpfkelle- Schleef-, aus einem kleinen Milchkännchen Sahne in den Tee gestülpt. Das ist das sogenannte Wulkje. Und jetzt- ganz wichtig- NICHT umrühren, sondern den Tee so trinken wie er ist. Zunächst schmeckt es üppig sahnig, dann herb durch den Tee und zum Schluss zuckersüß.

Diese Prozedur wird mehrmals am Tag wiederholt und es wird immer wieder nachgegossen, solange bis jeder seine drei Tassen Ostfriesentee hatte!

Apropos doppelseitiges Gesicht- bereits am zweiten Tag wurde es schlechter, also mit dem Wetter. Aber da man als Landratte ja nun nicht wirklich abgehärtet ist, macht einem das doch anfangs ganz schön zu schaffen. Wenn man seine 8km in die Stadt mit dem Fahrrad fährt, hat man immer Gegenwind. Aber nein! Allerdings nennt man es hier nicht Wind, sondern Brise.

Wenn man also das Gefühl hat, man strampelt sich ab und fährt mehr rückwärts als vorwärts, ist es für den Ostfriesen noch lange nicht windig. Gestern, sind wir drei (Sascha, Swantje und ich) durchs Watt gelaufen, bei Windstärke 7. Ich dachte, mein Schwein pfeift. Als ich dann anmerkte, dass die beiden nun wirklich zugeben müssten, dass es windig sei, erwiderten sie nur: „Was du nur hast, es weht einfach eine steife Brise….” wohl bemerkt liegt die Betonung hier auf ‚Brise‘- unfassbar diese Insulaner.

Wozu auswandern, wenn man die kulturelle Abwechslung auch im eigenen Land haben kann?! Vor fünf Tagen bin ich also hier auf der Insel angekommen und musste schon die ersten Tage erfahren, welch doppelseitiges Gesicht dieses Fleckchen Erde hat.

Am Tag meiner Ankunft zeigte sich Borkum von seiner schönsten Seite. In Emden mit der Fähre losgefahren, kämpften wir uns durch Wind und Nebel aus der Emsmündung heraus auf die offene Nordsee. Jetzt möchte ich eigentlich nicht zu metaphorisch werden, aber es machte den Eindruck als stünde man, wie die tausenden Einwanderer Amerikas, vor einem großen Neuanfang. So schaute ich also von der Fähre hinab und freute mich beim Einlaufen in den Hafen über strahlenden Sonnenschein, funkelndes Wasser und die Aussicht auf meine neue Wahlheimat.

Mein Vater begleitete mich auf der Überfahrt- also gingen wir gemeinsam von Bord und hielten Aussschau nach jemandem, der uns abholen sollte. Gegenseitige Erkennungsmerkmale: Ich- verschlafen, mit einem rostigen Fahrrad und einem viel zu großem Rucksack unterwegs. Sie- am großen schwarzen Handwagen für mein Gepäck zu erkennen. Mit Swantje verstand ich mich auf Anhieb sehr gut und sie war auch diejenige, die mich mit der gesamten Umgebung vertraut machte.

Die Ankunft lief sehr entspannt und unverkrampft ab. Meinem Papa und mir wurde zunächst alles notwendige im Schiff gezeigt, ich habe noch mein Gepäck in die Kammer gebracht und dann sind wir alle gemeinsam mit dem Bus in Richtung Stadt gefahren, um einen ersten Eindruck zu erhaschen und eine Kleinigkeit essen zu gehen.

Nach dem kurzen Ausflug in die Stadt, brachte ich meinen Vater zurück zur Fähre und wurde dann ein wenig wehmütig jetzt allein hier auf der Insel zu sein.

Das legte sich allerdings schnell, denn als ich auf dem Schiff wieder ankam, lernte ich den Bundesfreiwilligen Sascha kennen. Sascha, der bereits seit einem dreiviertel Jahr sowohl auf dem Schiff, als auch auf der Insel ist, kann man nichts vormachen. Er kennt sich von allen am Besten mit der Materie Wattenmeer und Feuerschiff aus.

Wir drei verbrachten einen sehr schönen ersten Abend, an dem wir viel tranken, lachten und musizierten!

-die vergangenen tage-

Where to begin?

Eine ereignisreiche Zeit ist angebrochen! 2012 ist ein Jahr voller Veränderungen für mich. Dieses Jahr wurde mit der Nachricht eingeläutet, dass ich ein Praktikum auf Borkum machen würde und damit die Möglichkeit habe, den Sommer an der See zu verbringen. Eigentlich fing alles damit an, dass ich beschlossen hatte, nach meinem Abschluss mal etwas Anderes zu machen, nicht gleich weiter zu studieren, sondern die Dinge aufzuarbeiten, die ich in den letzten drei Jahren Studium nicht geschafft hatte. In welche Richtung soll es zukünftig gehen? Finde ich gefallen an dem, was ich studiert habe?

Im eisigen Januar und Februar habe ich mich dann völlig der Uni ‚hingegeben‘ und konnte dann Anfang März mit Stolz sagen: ‚Ich habe es geschafft!‘ Darauf folgten erste Momente der Nachdenklichkeit- über Vergangenes und Zukünftiges. Die ersten Anzeichen eines Abschlusses bemerkte ich, als ich allein in meiner menschenleeren WG saß und realisierte, wie Erfurt und die MS-Trift nicht mehr Mittelpunkt vieler unserer Handlungen sein würden.

Darauf folgten viele ‚letzte Male‘: das letzte Mal Mensa, das letzte Mal Bibo, das letzte Mal American Sunday, das letzte Mal feiern gehen … Abende mit liebgewonnenen Menschen voller Abschiedsmelancholie und Freude auf kommende Zeiten.

Diese letzten Male konnten aber auch sehr freudig und feierlich sein. Zumindest hatten wir viel zu begießen in den letzten Tagen in Erfurt. Den Abschluss der BA-Arbeit, die Abgabe der BA-Arbeit, den Erhalt der Note der BA-Arbeit … alles wurde begossen!

Die traurigste Zeit begann jedoch mit dem Packen der Umzugskisten. Chaos und Überwindungsschwierigkeiten vermischten sich zu Prokrastination.

Matze war der Erste, der die Tür der MS- Trift hinter sich schloss. Dann blieb nur noch ein riesiges leeres Zimmer und die Einsicht, dass es die WG in der Triftstraße so nicht mehr geben würde.

Nichts für die Uni machen zu müssen erfüllt einen anfangs mit einem wahnsinnig guten Gefühl der Freiheit und Unabhängigkeit, als hätte man bereits so viel in seinem Leben erreicht.

Die ersten Höhenflüge werden jedoch schnell gedämpft durch Vorstellungsgespräche und die Erkenntnis doch nur ein sehr kleines Licht zu sein.

Lange Rede, kurzer Sinn… ich möchte euch eigentlich die Möglichkeit geben, mich ein wenig mit auf die Insel zu begleiten. Die letzten Zeilen waren lediglich eine Rekapitulation der letzten Monate und der Umbruchszeit.

Borkum soll jedoch ein neues Ufer darstellen und ich würde mich freuen, wenn ihr ab und an mal vorbeischauen würdet.

Auf bald!

-J.-